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Die letzte Meile ist menschlich

·5 min
Abstrakte Infografik zur menschlichen letzten Meile der Bildungsinfrastruktur: Leitungen führen von einem Verteilerkasten zu einem Schulgebäude, einer Chat-Sprechblase, einem Onboarding-Wegweiser und einem Netzwerk aus Community-Knotenpunkten.

Ein persönlicher Beitrag darüber, warum Bildungsinfrastruktur erst dann etwas bewirkt, wenn sie bei Lehrkräften und Lernenden tatsächlich ankommt — am Beispiel von AiS.Chat.

In der Telekommunikationsbranche bezeichnet die „letzte Meile" den Teil der Leitung, der vom Verteilerkasten bis ins Wohnzimmer führt — und je nach Technologie den aufwendigsten Abschnitt der gesamten Strecke. Zuerst muss das Kabel, ob Kupfer oder Glasfaser, überhaupt in den Keller des Hauses. Von dort geht es weiter in das Zimmer, in dem der WLAN-Router steht. Und erst von dort aus wird es einfach und drahtlos: auf Laptop, Tablet, Smartphone oder die Waschmaschine, die einem dann eine Push-Nachricht schickt, wenn die Wäsche fertig ist und aufgehängt werden möchte.

Auch wenn wir über digitale Bildungsinfrastrukturen sprechen, sind es die letzten Meter oder die letzte Meile, ohne die keine Infrastruktur, kein Dienst und kein Bildungsmedium tatsächlich in die Nutzung kommt.

Von der Anbindung zur Nutzung #

Vor vielen Jahren habe ich einmal untersucht, wie es de facto um die Internetanbindung von Schulen bestellt war. Es handelte sich um Schulen, die einen eigenen Schulserver lokal betrieben — also durchaus digital affine Schulen. Trotzdem war deren Internetanbindung im Durchschnitt nicht besser als die eines durchschnittlichen Mehrpersonenhaushalts.

Das dürfte heute deutlich besser aussehen. In Berlin sind beispielsweise inzwischen alle staatlichen Schulen mit Glasfaseranschlüssen versorgt. Doch selbst wenn wir davon ausgehen, dass es in Schulen mittlerweile überall schnelles Internet, funktionierendes WLAN und ausreichend Endgeräte gibt, heißt das noch nicht, dass die Angebote, die etwa von den Bundesländern zur Verfügung gestellt werden, auch ankommen. Denn am Ende leistet Technik nur eines: Sie stellt ein Angebot für potenziell Nutzende bereit. Ob es genutzt wird, entscheidet sich woanders.

Am Beispiel von AiS.Chat, dem KI-Chatbot, möchte ich exemplarisch zeigen, was getan werden muss, damit Angebote auch nachhaltig und in der Breite genutzt werden.

Featurebreite und Tiefe #

Wenn ein KI-Chatbot funktional nicht mit anderen Chatbots mithalten kann — oder bestehende Funktionen nicht genauso gut oder genauso umfänglich sind —, dann verliert er im Vergleich. Bei AiS.Chat wird der Funktionsumfang deshalb beständig erweitert. So kamen zuletzt eine eingebaute Websuche sowie die Fähigkeit zu Toolnutzung und agentischeren Konversationen hinzu. Das ist wichtig, denn gerade Nutzende, die auch andere Chatbots kennen, sind sonst schnell wieder beim vertrauten Anbieter — unabhängig davon, dass dieser etwa in Sachen Datenschutz und Nutzungsbedingungen eigentlich unattraktiver ist. Gleiches gilt für Design und Bedienbarkeit der Lösung: Wirkt eine Lösung in der Bedienung weniger flüssig als die Konkurrenz, ist der Wechsel nicht mehr fern.

Gerade im schnellen KI-Umfeld zeigt sich, wie herausfordernd es ist, einen „konkurrenzfähigen" Funktionsumfang anzubieten, denn die Welt bleibt nicht stehen. So bieten andere Anbieter zunehmend auch Funktionen an, um lokale Arbeit zu erledigen (etwa Cowork-artige Fähigkeiten, die direkt auf Dateien und Arbeitsumgebungen zugreifen). Hier muss also stets geprüft werden, welche dieser Innovationen im schulischen Kontext sinnvoll sind — und welche nicht.

Onboarding, Schulungen und Communities #

Es gibt sie, die Technologieinnovatoren, die Mutigen. Aber der Anspruch jeder Lösung muss sein, für alle zu funktionieren — also auch den sogenannten Long Tail zu adressieren.

Das gilt vor der Nutzung, während der Nutzung und dazwischen. Gerade bei neuen Themen wie KI sind Schulungen nicht nur ein Angebot, sondern in vielen Fällen verpflichtend.

Beginnt jemand mit der Nutzung des Chatbots, sollte er oder sie auf Wunsch von einem integrierten Onboarding an die Hand genommen werden. Auch wiederkehrende Nutzende sollten über neue Funktionen und wesentliche Änderungen informiert werden.

Bei AiS.Chat ist über Signal bereits eine erste Online-Community entstanden. Das Teilen von Inhalten durch viele engagierte Lehrkräfte und Mitarbeitende aus unterschiedlichen Instituten, die dort Material zur Verfügung stellen, zeigt, wie länderübergreifend gemeinsames Arbeiten und Gemeinschaft entstehen können.

Wichtig ist aber auch, dass solche Communities aktiv gepflegt werden und ihre Anregungen und Bedarfe in die Weiterentwicklung einfließen. Auch das Entstehen lokaler Communities — sei es im Lehrerzimmer oder darüber hinaus — kann unterstützt werden, etwa durch Multiplikatorenkonzepte.

In offeneren Strukturen denken #

Wie unter anderem in „Offenheit braucht ein Betriebssystem" diskutiert, greift der Blick auf das einzelne Angebot allein zu kurz. Die letzte Meile mitzudenken heißt auch, zu schauen, wo Nutzende stehen und wie sie „abgeholt" werden müssen. Das betrifft zum Beispiel das Vorwissen bei der Nutzung von KI-Werkzeugen, aber auch die Lehr- und Lernumgebungen, in denen Nutzende arbeiten und zu Hause sind.

Sind Lehrkräfte beispielsweise viel in Moodle unterwegs, dann sollten generative KI-Funktionen direkt dort verfügbar sein — mit dem Kontext, der dort bereits vorhanden ist, aber auch mit all den Vorteilen aus der AiS.Chat-Welt, etwa dem geplanten Zugriff auf Mediatheken und Rahmenlehrpläne. Ähnliches gilt für die technische letzte Meile auf dem Gerät selbst, wie ich sie in „Von der Plattform ins Klassenzimmer" beschrieben habe: Auch das leistungsfähigste Angebot bringt wenig, wenn es nicht dort ankommt, wo Unterricht tatsächlich stattfindet.

Die letzte Meile bleibt Daueraufgabe #

Glasfaser im Keller, WLAN im Klassenzimmer und Endgeräte in ausreichender Zahl sind notwendig. Aber sie sind nur der Verteilerkasten. Die eigentliche letzte Meile entscheidet sich dort, wo ein Angebot mit der Konkurrenz mithalten kann, wo Menschen beim Einstieg begleitet statt allein gelassen werden, wo Communities getragen und gehört werden, und wo Lösungen dort ankommen, wo Lehrkräfte und Lernende ohnehin schon sind.

Diese letzte Meile lässt sich nicht einmalig verlegen und dann abhaken. Sie muss immer wieder neu gedacht, gepflegt und an neue Bedürfnisse angepasst werden. Genau das macht sie zu einer Daueraufgabe — und zu der eigentlich entscheidenden Aufgabe von Bildungsinfrastruktur.